Du bist ein Sieger

von Hanna Aichholzer (IMS Langenhart)

„Heute ist der wichtigste Tag des Jahres“, tönte es von überall her. Ich lag in meinem Versteck und war schlecht gelaunt. Heute war der Tag aller Tiere in St. Valentin. Dieses Jahr wurde das erste Mal das Tier des Jahres gekürt. Doch ich war die einzige, der der die Wahl gar nicht gefiel. Ich hockte enttäuscht unter einem Rhabarberblatt und schaute vorsichtig hervor. Ich sah, wie die Vögel alle in eine Richtung folgen, die Katzen aus ihren Häusern entwischten und die anderen Tiere in Richtung Wald wuselten. Nur ich war alleine  in einem Garten einer netten Familie. Eigentlich wollte ich auch an der Wahl teilnehmen, aber als ich die verschiedenen Bewerbe sah, wusste ich, dass ich keine Chance hatte.

Außerdem hätte ich es mir schon Wochen vorher überlegen müssen, ob ich die Wahl beobachten wollen würde. Denn ich bin eine unscheinbare, kleine dreckige, schleimige Schnecke, deren Leben nur aus Plänen besteht. Ich muss alles immer planen. Ich plane schon im Winter, wohin ich im nächsten Sommer gehen will. Denn ich brauche immer Ewigkeiten. Irgendwie würde es mich heute schon reizen, bei der Wahl dabei zu sein. Doch wenn ich kriechen müsste, würde ich erst in Tagen beim Platz des Geschehens – einer kleinen gemütlichen Lichtung im östlichen Teil des Herzograder Waldes – sein. Traurig machte ich mich auf die Suche nach etwas Essbarem. Ich verstand schon, warum ich nicht das Tier des Jahres sein konnte. Ich war nicht schnell, ich war nicht nützlich, ich hatte kein großes Revier, ich war nicht schön, nicht groß und auch nicht sehr schlau. Doch ich bekam meine große Chance.

Ein kleines Mädchen, das in dem Haus wohnte, in dessen Garten ich mich befand, hüpfte aufgeregt herum. Doch plötzlich erstarrte sie und kam langsam auf mich zu. Sie nahm mich behutsam in die Hand und flüsterte mir leise zu: „Ich werde dich jetzt zu dem Platz im Wald bringen, wo so viele Tiere sind. Ich bin mir sicher, du wärst auch gerne dabei.“ Dann trug sie mich liebevoll in den Wald. Ich hatte keine Ahnung, woher das kleine Mädchen von der Wahl wusste, aber es war mir in dem Moment egal. Als sie mich vorsichtig absetzte, war ich nur knappe drei Meter von der Lichtung entfernt. Ich konnte beobachten, wie die verschiedenen Bewerbe durchgeführt wurden. Die Vögel flogen im Himmel, einer höher als der andere, die Regenwürmer lockerten die Erde im Rekordtempo, die Katzen kämpften gegeneinander, und auch alle anderen Tiere waren damit beschäftigt, die Bewerbe zu gewinnen. Der Leiter der Wahl war ein alter, weiser Haushund, der sich bereit erklärt hatte den Sieger zu küren.

Ich fühlte mich sehr einsam, denn ich wollte auch ein Sieger sein. Doch da kam das kleine Mädchen auf uns zu. Alle Tiere erstarrten. Wahrscheinlich hatte deiner von ihnen damit gerechnet, dass ein Mensch von der Wahl wusste. Das kleine Mädchen setzte sich auf einen Stein und sprach mit ruhiger Stimme: „Ich weiß nicht ob ihr mich verstehen könnt. Aber ich möchte euch etwas sagen. Es soll nicht nur einen Sieger unter euch geben. Jeder von euch ist wichtig. Man könnte auf deinen von euch verzichten. Ihr wurdet von Gott gemacht, um die Vielfalt des Lebens widerzuspiegeln. Jeder von euch ist ein Sieger!“ Ich war voll und ganz beeindruckt. Jetzt war mir die Wahl ganz egal, es war mir egal, dass ich langsam und schleimig war. Es war mir egal, dass ich den Menschen nichts nützte. Aber jetzt wusste ich eines: Ich war ein Sieger. Von nun an war ich die glücklichste Schnecke St. Valentins und das bin ich heute noch.

Advertisements