Die Kühe aus St. Valentin

von Thomas Elias Huber (IMS Langenhart)

Ich ging gerade von der Schule nach Hause, als ich ein Muhen hörte. „Schon etwas seltsam“, dachte ich mir, da in unserer Nähe überhaupt keine Kühe weideten, sondern in den Ställen eingepfercht und mit chemisch behandelten Futterzusatzstoffen gefüttert werden. Ich wollte gerade weitergehen, als ich schon wieder ein Muhen hörte. Von wo kam es? Ich konnte es nicht lokalisieren. Da passierte etwas Eigenartiges: Aus dem „Eurospar“ rannten etwa zwanzig Leute kreischend heraus, Verkäufer sowie Käufer. Panisch flohen sie auseinander. Ich dachte ich wäre verrückt, als ich kurz darauf eine Kuh mit einer Schnitzelsemmel im Maul herausstolzieren sah. Jetzt bekam ich es auch mit der Angst zu tun, aber wie angewurzelt stand ich das und konnte mich vom Anblick der ungewöhnlichen Kuh nicht losreißen, die immer weiter auf mich zukam. Als sie nur mehr zwei Meter von mir entfernt war, konnte ich mich endlich aus meiner Starre lösen und weglaufen. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass der Parkplatz menschenleer war. Ich rannte, so schnell ich konnte, den Gehsteig entlang nach Hause. Als ich daheim angelangt war, wagte ich einen kurzen Blick nach hinten. Die Kuh war mir zwar gefolgt, aber nicht mal halb so schnell, wie ich befürchtet hatte. Die Haustür stand offen, ich hechtete hinein, warf sie zu und sperrte ab. Drei Sekunden später hörte ich den Kopf der Kuh gegen die Tür donnern.

Ich setzte mich erst einmal hin, um wieder Luft zu bekommen. „Was war das denn gerade?“ dachte ich mir. Da plötzlich ertönte die Sirene. „Wie war das noch gleich: eine Minute auf- und abschwellender Ton bedeutet Katastrophen-Alarm?“ Das konnte nichts Gutes bedeuten. Ich schaltete sofort das Radio und den Fernseher ein, um auf dem Laufenden zu bleiben. Im Radio wurde eben durchgesagt, zwei gefährliche Kühe würden in der Umgebung von St. Valentin ihr Unwesen treiben. Man solle auf gar keinen Fall nach draußen gehen. Im Fernsehen meinte ein Experte, es gäbe keine logische Erklärung für das Verhalten der Rinder. Man forderte Freiwillige auf, sich im Gemeindeamt zu treffen, um gemeinsam Jagd auf die Kühe zu machen, welche dann zur einer Untersuchung in die Tierpraxis gebracht würden.

Da ich eines der Tiere schon selbst gesehen hatte, war es klar, dass ich bei der Jagd helfen musste. Also stieg ich aufs Fahrrad und fuhr los. Es war nicht weit bis zum Gemeindeamt und ich traf auch keine Kühe mehr auf dem Weg. Dort angekommen ließ ich mein Rad einfach achtlos umfallen. Die  ganze Gegend wirkte wie ausgestorben und gefährlich, als könnte hinter jedem Busch, jeder Ecke wieder eine Kuh hervorspringen. Ich betrat das Gemeindeamt, indem sich schon einige Männer versammelt hatten. Uns wurde schnell erklärt, wie man die mit Gewichten beschwerten Netze benutzt und jeder von uns erhielt eine Narkosespritze. Wir wurden in zwei Teams aufgeteilt, jeweils zehn Mann pro Kuh. Nach eineinhalbstündiger Suche entdeckten wir das Tier, welchem ich heute schon begegnet war im Freibad. Es war in das leere Becken gefallen und kam jetzt nicht mehr heraus. Das war unsere Chance: Ich warf mein Netz, und die Kuh konnte nicht mehr entkommen. Ein anderes Teammitglied gab der Kuh die Spritze um sie zu narkotisieren.
Wir transportierten sie zum Tierarzt. Auf halber Strecke begegneten wir der anderen Gruppe, ebenfalls mit eingefangener Kuh. Beim Tierarzt kamen uns bereits Pressesprecher und Fotografen entgegen. Während wir mit Fragen bombardiert wurden, untersuchte man die Tiere: Sie waren so aggressiv geworden, da der Bauer sie mit genetisch verändertem Futter gemästet hatte.

Ein paar Wochen später stand in der Zeitung geschrieben: „Nach Rindertragödie in S. Valentin: Neues Gesetz beschlossen – Gesundes Bio-Futter für das Vieh ist nun Pflicht!“ Dieses Erlebnis öffnete uns allen die Augen, wie wichtig es ist die Tiere artgerecht zu füttern.

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